· 

Amokort2

„Gehen wir es nochmal durch: Die eine hinter dem Gebüsch und die im 12. Stock sind von den eigenen Hündinnen zerfleischt worden.“
„Woher wissen Sie, dass es keine Rüden waren?“
Er kennt sie noch nicht so gut, war vorher mit Befragungen beschäftigt und ist somit eben erst dazugekommen. Vlora hat jetzt keine Kapazitäten für Dummheiten und fährt an ihn gewandt nur fort:
„Frau Schneider. Es stellt sich wohl eine ganz andere Frage: Wer versteht so viel von Hunden, sie gegen das eigene Frauchen zu richten?“
„HERR Schneider.“
„Woher hätte ich das wissen sollen?“
Irritiert fährt sich der Polizist durch seinen Bart.
Sie freut sich, dass er endlich sprachlos ist und mit ihrer Aufgabe fortfahren kann:
„Wir suchen also nach einer, die sich mit diesen Tieren auskennt. Die aus dem 11. Stock wurde ja mit dem Küchenmesser erledigt; auf die gleiche Art, wie der Mann, der zerfleischten Frau im 12. Stock. Heisst für mich: Wieder die gleiche.“
„Naja,“ so gibt ihr Assistent zu bedenken: „das mit dem Küchenmesser ist keine Kunst.“

Amokort2
Amokort2

Die Hauptkommissarin zerquetscht mit rechtem Mittelfinger und Daumen den oberen Teil der Nase und kneift gleichzeitig die Augen zusammen. Sie entscheidet sich aber dafür, ihm nicht einfach ihre logischen Schlussfolgerungen aufs Auge zu drücken, sondern ihm einfach nur etwas auf die Sprünge zu helfen:
„Was wissen Sie nochmal über die Art, wie die beiden davon abgehalten wurden zu flüchten?“
„Die Achillessehnen waren ihnen durchgeschnitten worden.“
„Beiden?“
„Ja, beiden.“
Pause. Dann wieder er:
„Und was schliessen wir daraus?“
Sie:
„Denken sie, dass es ein Zufall ist?“
„Nein, wird wohl die gleiche Mörderin sein.“
„Gut. Das macht es einfacher. Wir suchen eine.“
„Warum denken sie, dass sie keine Komplizin hatte?“
„Sieht nicht geplant aus. Zwar schon wie Rache, aber eher spontan. Geplante Sachen sind sauberer. Diese würden nicht so offensichtlich sein. Sie wären verschleierter eben. Ein Statement, eine Art Mordkunstwerk kann es nicht sein, es fehlt dafür eine Nachricht. Eine Künstlerin will erwischt und für ihr Kunstwerk bewundert werden. Oder sie hat eine Botschaft.“

Tatort Amoklauf
Tatort Amoklauf

Im elften Stock vergewissert sich das Grüppchen Polizistinnen, ob Gehörtes und selbst Inspiziertes zusammenpasst: Wie schon im darüberliegende Stockwerk ist auch hier alles voller Blut. Unterschiedlich verteilt. Zum Eingang hin werden die Abdrücke von Schuhen, eindeutig im bereits eingetrockneten Rot zu sehen, dünner. Sie hat sich gar nicht die Mühe gemacht, ihre Spuren zu verwischen. Rache. Unüberlegt. Es scheint Schuhgrösse 39 zu sein. Standart. Weiblicher Standart. Die Sohlen sind bekannt. Eine Art Wellenmuster, kreuz und quer, das Dreiecke bildet. Diese könnten mit etwas Phantasie einen Fallschirm bilden. Sandalen, oder durchschnittliche, günstige Plastiktreter, wie sie überteuert in Sportgeschäften als Speziallaufschuhe verkauft werden. Markenware, die ihren, über dem Wert liegenden Preis mit der Aufschrift „Ocean Plastic“ rechtfertigt. Wird die Forensik schnell herausfinden. Blöd nur, dass es tausende davon gibt. Gerade in der Grösse. Allerdings lässt sich so das Alter der Täterin eingrenzen. Sicher keine dieser alten Pensionistinnen, die einem nur böse anschauen, wie Fische, die zu tief getaucht sind.
Die Verblutete hat einen verzerrten Gesichtsausdruck. Haben alle Sterbenden möchte man meinen. Ist aber nicht so. Der Gedanke der letzten Sekunden, ja Millisekunden spiegelt sich darin. Etwas Ungläubiges liegt auch in ihm. Sowas wie:
„Das kann doch nicht sein!“
Sie liegt seitlich da. Hinter ihr ist eine dicke Blutspur. Geschliffen. Streifen zeichnen sich darin ab. Sehr breite. Einen Meter muss sie gekrochen sein, ehe sie zusammensackte. Der linke Arm liegt unter ihrem Körper, der rechte ist gekrümmt über ihren Kopf gestülpt. Sie muss wohl noch etwas gedeutet haben, bereits zu schwach zum Sprechen:
„So hilf mir doch!“

Alles deutet wieder auf diese eine Person. Alles wieder dieses eine Motiv. Immer wieder der gleiche Hintergrund:
Die Nachbarin. Rache. Nachbarschaftskrieg.

Die Minithriller sollen nicht mit Werbung geflutet werden? Ich bitte um eine kleine Spende :-) : https://www.buymeacoffee.com/bqtGLOBAL

Write a comment

Comments: 0