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Die Vorstellung

 

Hier sitze ich. Was heisst sitzen. ... Verharre ich. Erstarrt. Eine Statue. Ein Stein. Nichts als ein Fels. Schön wäre es. Keine Gefühle, kein Ärger, kein gar nichts. Aber so soll es nicht sein. Innerlich ist das Gegenteil der Fall. Aufgewühlt bin ich, völlig durcheinander. Es wühlt, es kruschelt, es macht. Mein Bauch, mein Darm, das Herz. Der Stift in meiner Hand sollte weiter über die Zettel, die mit Plagiaten gefüllten Dinger. Harmlos sind sie, diese kleinen Verbrechen. Vor allem verglichen mit dem, was kommt. Was ist. Was bevorsteht. Gleich ist sie vorüber, die heile Welt. Sie kommen. Sie kommen, um mich zu holen.

 

die Vorstellung
die Vorstellung

 

Die Studentinnen bekommen sie zurück, ihre Arbeiten. Erst werden die kleinen Vergehen markiert, eingefügt, dann alles im pdf gedruckt. Sie werden nichts merken, nichts wissen. Im besten Fall wissen sie nun, wie es zu zitieren gilt. Aber meine Tischnachbarin: Sie wird es mitbekommen. Brühwarm. Noch ahnt sie nichts. Völlig naiv korrigiert auch sie Arbeiten. Ärgert sich, weil sie Inhalte so oft betont hatte im Unterricht. So einfach hätten sie sich eine gute Note holen können, aber nein: Sie hören ja nicht auf sie. So ist das. Schon lange hatte ich mich mit diesem Phänomen abgefunden. Zeitverschwendung. Hier herumsitzen und grübeln und vor Angst zergehen ist auch nicht gerade eine gute Investition in die Zeit.

 

Vorstellung
Vorstellung

 

Kaja kehrt mir den Rücken zu, sieht aus dem Fenster. Mein Schreibtisch ist gegen die Wand geschoben. Sie kriegt nicht mit, dass ich ja eigentlich ein Felsen bin. Sollte sie es mitbekommen? Sollte sie wissen, dass ich handlungsunfähig bin? Wenn sie wüsste, was bevorsteht, würde sie mir helfen? Würde es schnell gehen? Wahrscheinlich wäre sie überfordert mit der Situation. Mann, jede Sekunde vergeht so langsam, als wäre sie ein depressiver Wal, der nicht mehr weiss wo es lang geht und der vergass, wie man Flossenschläge macht. Wie wird es enden? Eine Vorstellung habe ich davon. Hier sitze ich und da fragt sie:

 

Psyche
Psyche

 

„Wovon bräuchte die Welt mehr, wovon weniger?“

 

Out of the blue. Einfach so. Was ist das denn für eine Frage? Weniger Mist, mehr Vertrauen vielleicht? Was würde sie mit der Antwort machen? Lachen, vielleicht darüber philosophieren? Sie zerschmettern, wie einen zerbrechlichen Sandstein. Mehr? Sicher nicht mehr von den Typen, die mir auf den Fersen sind. Weniger? Weniger Sorgen, weniger Stress, weniger Schwachsinn, weniger Kontrolle, weniger, ... was weiss denn ich? Die Vorstellung. Die Vorstellung davon weniger. Mehr Leere, mehr Freiraum. Weniger Vorstellung.

 

 

 

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