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Horroreinkauf

 

Hinter dem Regal mit der Schokolade stand es, das Mädchen, als es erstarrte und genau hinzuhören begann:

 

„Kling, klock, kling, klock.“

 

Die Geräusche hatten einen geringen Abstand von wenigen Sekunden. Sie waren so weit auseinander, wie es Schritte sind. Schritte, die sich näherten. Das, so wusste das Mädchen bereits, konnte sie daran erkennen, dass die Töne immer lauter wurden. Auch konnte sie unbewusst die Richtung ausmachen. Es schien vom vorderen Bereich des Lebensmittelgeschäftes zu kommen. Wie konnte das sein? Es waren doch so viele Leute hier! Sah das denn niemand! Aber wo sind sie hin, die vielen Einkäuferinnen? Keine scheint Schokolade zu kaufen. Ihre Mutter hatte ihr aufgetragen Tomaten zu kaufen. Sie hatte sie in einem Gemüsesäckchen in der linken Hand. Diese zitterte nun.

 

„Kling, klock, ...“

 

https://unsplash.com/@mikepetrucci
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Immer näher kam sie, die Bedrohung. Das Mädchen hatte nun bösartige Fratzen vor ihrem geistigen Auge. Ein Clown kam darin vor, der ein mit Tomatensaft und Blut verschmiertes Gesicht verzerrte. Die Kürbise vom Halloweentag schienen lebendig geworden zu sein. Ihr verstorbener Urgrossvater fiel ihr ebenfalls plötzlich ein. Wie er kurz vor seinem Tod schlimmer ausgesehen hatte, als danach, nachdem die Bestatterin ihm sein bleiches, faltriges Gesicht geschminkt hatte, ihm die Augen geschlossen hatte, die vorher diese starren, hellblauen Augen zeigten, welche sie bedrohlich angestarrt hatten.

 

https://unsplash.com/@itfeelslikefilm
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Was sie tun sollte, hatte sie sich in dem Moment gefragt, als sie die Bilder von ihrem Gehirn mit einem Kopfschütteln verbannte. Sie hörte auf zu atmen. So endete auch das Kitzeln der losen Haare, die durch den, mit Plastikpartikeln durchzogenen Haarbalsam unbändig ihr Gesicht umrahmten, obwohl sie mit einem braunen Band, das sich farblich kaum von ihrem Kopf abhob, zusammengebunden waren. Ohne Luft zu holen könnte sie seine Schritte viel besser lokalisieren, so kombinierte sie ihre rasenden Gedanken.

Was machte sie bloss zwischen diesen Süssigkeitenregalen? Sie hatte doch einfach nur Tomaten holen sollen. Diese waren fast immer beim Ein- und auch Ausgang deponiert, weshalb der Gang zur Schokoware unnötig gewesen war. Die Werbung war es gewesen. Oder, um einer Art von vollständiger Wahrheit näher zu kommen, vielmehr die Tatsache, dass sie ständig vom Marketing von allen Seiten zugehämmert worden war. Wurde. Wird. Immerzu. Pausenlos. Welchen Grund könnte es sonst geben, dass sie ohne Hunger zu Regalen gegangen wäre, die Lebensmittel enthielten, die dieser Bezeichnung nicht wert waren. Wenn das Verbot von Nahrungsmitteln damit verbunden wäre, welche Abhängigkeit sie verursachten, so wäre Zucker auf der, zu verbannenden Liste für Essbares. Zucker und die vielfältigen Produkte, die damit erzeugt wurden, welche dem einzigen Zweck dienten die Taschen der Grosskonzerne, wie Unilever, oder Nestle zu füllen, würde es schon bald nicht mehr in der Fülle geben. Das jedenfalls hatte sie gestern am Abend aufgeschnappt, als sich ihre Eltern ängstlich über die neue Situation unterhielten. Weil es aber auch geheissen hatte, sie müssten ab jetzt wirklich sparsam sein, hatte sie ein schlechtes Gewissen dabei, überhaupt in Erwägung zu ziehen, sich doch noch irgendetwas von diesen Regalen zu holen.

 

https://unsplash.com/@joshrh19
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Nun wurde sie aber abgelenkt. Diese Geräusche zogen den Moment hin. Vor allem deshalb, weil sie normalerweise von nicht Hörbaren begleitet wurden. Nur dieses „Kling-klock“ war zu hören. Sie sah im hinteren Bereich des Geschäftes die Fleisch- Wursttheke. Niemand da. Keine Verkäuferin, keine Kundin. Das sah letzte Woche noch ganz anders aus. Das vertraute Stimmengewirr, der Radio des Lebensmitelfrenchicers, das einem noch den letzten Stups gab, um doch Dinge zu kaufen, die keiner brauchte, indem es einem mit ihren „ach-so-unwiederstehlichen“ Rabatten bombardierte.

 

Sie drehte sich hastig um, als ihr klar wurde, dass da vieles nicht stimmte. Ob es mit dieser neuen Situation zu tun hatte, die ihrer Mutter mit ihrem Vater so viel Angst einflösste? Was wenn da ein Monster auf sie zukam? Obwohl es diese offenbar nicht gab, wie ihre grosse Schwester ihr mal klar machen hatte wollen. Weniger beruhigend fand sie ihren nächsten Gedanken: Noch niemals hatte ihre Schwester sie beruhigen wollen, nie sie mit Liebe überschüttet. Ihre Eifersucht hatte sie immer nur dazu getrieben, alles gut zu finden, was ihrer kleinen Schwester schadete. Daher hatte sie auch nachgeschoben, dass es viel schlimmere Lebewesen auf dieser Welt geben würde, als Monster. Sie seien meist in menschlicher Gestalt, würden harmlos aussehen, ja sogar besonders nett und vertrauenswürdig.

 

https://unsplash.com/@heamosoo
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Er, es, was auch immer, kam näher. Nicht schnell. Eher gemächlich. Jedoch pausenlos. Zielstrebig. Was sollte sie tun? Wo sollte sie hin? Richtung Ausgang würde bedeuten, direkt auf das Geräusch zu. In den hinteren Bereich des Geschäftes, das war die einzige Fluchtmöglichkeit. Hier stand links von der Fleischkühtheke noch ein Regal. Ein hübsches Holzregal mit Salami, Debreziner, Speck und sonstigen feinen Würsten und gepökeltem Fleisch aus unterschielichen Ländern. Bis dahin würde sie es schaffen, noch bevor die Schritte mit dazugehörigem Lebewesen hinter dem Regal hervorkommen würden. Ihr Herz begann noch schneller zu klopfen, als sie sich vorstellte, wie sie dorthin geraten würde. Ihre billigen Sneakers würden sie auf leisen Sohlen dorthin tragen. Ihr leichtes Gewicht, ihre sportliche Teenagerfigur dafür sorgen, dass sie schnell genug wäre. Ihre einfache Jugendkleidung, der schwarze Polyester-Hoddy mit der braunen Jogginghose, dem schwarzen T-Shirt darunter würden als Tarnfarben dienen. Schön unauffällig, wie auch ihre hellblauen Augen und die matte weisse Haut. Sie begann sich auch gleich vorzustellen, wie er sie erwischte, packte und unter den Arm klemmte. Einen grossen, muskulösen, dunkelhaarigen Mann, glatt rasiert mit scharfem, stechenden Blick stellte sie sich vor. Sogleich wischte sie den Gedanken wieder weg. Sie wollte sich auf den Fluchtweg konzentrieren, wie sie es beim Räuber und Gendarmespiel mit ihren Freundinnen tat. Da fiel ihr auch ein, wie gut sie ja sonst in dieser sportlichen Tätigkeit war. Auch an diesem Tag würde sie also nicht verlieren und legte ihren Fokus wieder auf das Holzgestell.

 


 

Da: Er blieb stehen. Wollte er sie verwirren? Dadurch konnte sie aber die gewonnene Zeit besser einsetzen. Flink, aber leise wie eine Indianerin, jedenfalls wie sie sich eine vorstellte, machte sie also einen grossen Schritt nach dem anderen. 5 reichten, um vor das anvisierte Möbelstück zu gelangen. Sie drehte sich nochmal um, um sich zu vergewissern, dass der Verfolger noch nicht hinter ihr war. Offenbar hatte er seinen Marsch fortgesetzt. Das Kling-Klock-Geräusch setzte wieder ein. Noch war er aber nicht hinter den Schokoriegeln und Schnitten aufgetaucht. Das verschaffte ihr genug Zeit, um sich hinter die getöteten, konservierten Tiere zu hocken. Da kauerte sie, zog die Kaputze über den Kopf, den Kragen nach oben, um sich noch unsichtbarer zu fühlen.

 

Nun fiel ihr ein, dass sie ja gar nichts dafür konnte und an der Schokolade vorbei hatte müssen, weil es nur so zur Kassa gegangen wäre. Die Abkürzung zum Bezahlen von den Obst- und Gemüsewaren war abgeschnitten, um Konsumentinnen zum Kauf weiterer Ware zu verführen.

 

Es dauerte noch weitere ewig erscheinende 20 Sekunden lang, bis doch Bewegungen sichtbar waren. Erst difus, durch die verpackte Tiermuskulatur hindurch, dann als sie vorsichtig und langsam eine bessere Position fand, besser. Tatsächlich: Ein Mann. Jedoch nicht breit und stark, sondern eher schmächtig und zusammengefallen, alt und gebrächlich. Er setzte seinen Marsch fort. Aber er musste doch sehen, dass da niemand war. Für die Ware interessierte er sich ja nicht. Er musste sie also verfolgen. Nun begann er etwas zu murmeln. Sie vernahm nur Wortfetzen:

 

„ ... doch hier gewesen... .“

 

https://unsplash.com/@ciabattespugnose
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Wer? Er hatte es auf sie abgesehen? Aber warum? Hier im Geschäft? Mal nachdenken. Sie war mit dem Fahrrad gekommen. Sonst nichts; einfach nur 2 Minuten von zu Hause, um diese roten, saftigen Bälle zu holen. Ein einfaches Mädchen von einfachen Eltern in einer einfachen Stadt. Einfach so. Was will er? Ihre Augen weiteten sich, als er nicht innehalten wollte. Er hatte seinen Blick nach vorne, also in ihre Richtung gerichtet. Aber er schien ins Leere zu starren. Ihre Beine begannen in der Hocke einzuschlafen und daher suchte sie sich eine etwas andere Position. Nur etwas, um nicht gesehen zu werden. Da blieb er stehen, begann direkt in ihre Richtung zu starren.

 

„Oh nein“, dachte sie. Nun wäre es wohl vorbei. Er würde sie am Arm schnappen, diesen abschnüren und sie aus dem Geschäft in sein Lieferfahrzeug sperren. Durch den unteren Teil  des Regales konnte sie nun erkennen, wie es zu diesem unregelmässigen Geräusch kam: Er hatte nur ein Bein. Das zweite war durch einen Holzblock ersetzt worden. Ein einbeiniger, alter Herr, der von der Hüfte weg wie ein Pirat aussah.

 

Er ging weiter. Nun schien er noch viel zielstrebiger als vorher. Er tastete mit seinen grau-blauen Augen, die vom grauen Star gekennzeichnet waren, das Regal von oben bis unten ab. Seine fahle Haut passte zu seinem weissen, kurz geschnittenen, schüttenen Haar. Seine einfache, schwarze Kleidung machte es dem Mädchen schwer, den Mann irgendwo und irgendwie einzuordnen. Nun war es das wohl.

 

Noch bevor er das Regal erreichte, begann er langsam seine Arme zu heben, eine einladende Geste, die ihr sagte, sie solle doch hervorkommen. Sie fragte sich, ob er bluffte. Er hatte sie doch gar nicht sehen können. Unmöglich. Schliesslich war sie leise gewesen und hatte sich kaum bewegt. Sie erstarrte. Er schloss noch weiter auf, kam aber nicht nahe genug, um sie zu berühren, jodoch war der Abstand gering genug, um ihr durch die luftdichten Verpackungen hindurch in die Augen sehen zu können, als er meinte:

 

„Komm, Mädchen. Geh mit mir zur U-Bahn. Die Luftangriffe haben begonnen.“

 

Ihr war die Dimension dieser Aussage nicht ganz klar, aber in seiner Stimme lag Resignation und Freundlichkeit, also stand sie langsam auf, während sie so ein Gefühl bekam, das ihr suggerierte, dass sie in naher Zukunft öfter Angst haben würde.

 

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