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„Oh. Mein. Gott. Schon wieder so ein Duo. Dekadent, arrogant, unausstehlich.“ Denkt Jakob, der Zöllner, als er das braungebrannte Paar, in seinen Mitte-30ern erblickt. Es ist neu eingekleidet. Touristenzug: Er mit einem Hawaiihemd und bunten Boxer-Shorts; sie im geblümten Kleidchen, Strohhut, dunkle, grosse Sonnenbrille. Er verbirgt wahrscheinlich seine Halbglatze unter einer neuen Baseballkappe mit der Aufschrift oans-zwoa-Gsuffa. Der Scan ergibt Metall. Lang und dick. Etwas zu auffällig für so ein Paar. Eine falsche Anzeige, die zwischendurch nur die Arbeitsweise des Sicherheitspersonals testet und für stichprobenartige Durchsuchungen sorgt, ist es diesmal nicht. Die Form ist anders. Runder. Jakob, der wegen seiner Ähnlichkeit zu Danny de Vito, meist für seinen Geschmack zu wenig ernst genommen wird, deutet seinem Kollegen den Koffer zu öffnen.

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Fähre

Die Blumenkleidfrau verdreht die Augen, als sie seine professionellen Ambitionen bemerkt. Von ihr weht ein süsslicher Duft her. Etwas zu viel von dem blumig-schweren Parfum-Zeugs aus dem Duty-free-Shop. Dazwischen steigt ihm seine frische Ausdünstung in die Nase. Er schämt sich dafür, zumal er sich täglich duscht und auf sein Äusseres achtet. Seine Haut verträgt keine Deos, oder Parfums und sein Körpergeruch ist durch seinen Medikamentenverzehr eher bitter-säuerlich. Erleichtert stellt er fest, dass ein sanftes Lüftchen durch das, von der Sommersonne aufgeheizte, provisorisch aufgestellte Zöllnerzelt weht, das die hohe Temperatur etwas erträglicher macht. Der grosse Fährhafen in Pembroke, Wales, der dafür sorgt Menschen und Waren zwischen Rosslare, Südirland hin und her zu transportieren, ist gezeichnet von jahrelangen Renovierungsarbeiten. Besonders ungemütlich war es geworden, als der Bau aus politischer Uneinigkeit über ein Jahr gestoppt wurde.

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Die Danny-de-Vito-Gestalt geht zum Koffer, beginnt mit der Durchsuchung. Das Hawaii-Hemd kommt seiner Begleiterin heroisch zur Hilfe, da ihr Gesichtsausdruck alleine der Untersuchung keinen Einhalt gebietet:
„Was soll das, Mann!“
„Na was wohl: Wir nehmen erst Eure Koffer auseinander und wenn wir nichts finden wühlen wir in allen Löchern Deiner Frau herum, weil’s lustig ist und erzählen Dir, dass wir auf der Suche nach Drogen sind.“


Das denkt Jakob nur, stattdessen muss er all seine Kraft zusammennehmen und erklärt:
„Das ist nur eine Routineuntersuchung, Sir. Sie werden gleich weiter können.“
„Wir haben aber nichts illegales!“
Es ist immer die gleiche Leier: Die harmlosen Touristinnen rechtfertigen sich. Meist denken sie tatsächlich, etwas gegen das Gesetz zu tun. Es ist ihnen nicht bewusst, was sie durch ihr Gerede alles verraten. Manchmal geben sie einem gleich preis, was sie haben und wo sie es haben, eine Befragung nicht abwartend. Es kommt oft genug vor, dass wir ihre Ware ohne dieses Gezeter nicht gefunden hätten.

„Natürlich nicht. Daher gibt es für sie ja nichts zu befürchten und sie können gleich weitergehen.“
„Wir wurden hier aber noch nie untersucht. Das ist ja wie im Flughafen. Da hätten wir ja gleich fliegen können.“
„Ja. Das hätten Sie. Ist eben eine stichprobenartige Kontrolle. Zu Ihrer Sicherheit, Gentleman.“
„Was is da sicher daran, wenn wir in dem Zelt ersticken.“

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Das sind die Konversationen, die dafür sorgen, dass weitere Sonnenbrände hinter ihm ausflippen, weil sie gezwungen werden, so lange zu warten.
Ein paar Meter weiter hinten beobachtet, wegen der Sonnenbrille unbemerkt, Rebecca die Szene. Ihr Deckname wurde ihr von ihrem Auftraggeber gegeben. Er hatte nicht wissen wollen, wie sie in ihrem Pass heisst. Auch er hatte ihr nur seinen Business-Namen gesagt. Die Transportkurierfrau achtet auf unauffällige Kleidung. Zollbeamte sind auch nur Menschen. Frauen werden grundsätzlich unterschätzt, was für Ihren Kurier-Job perfekt ist. Ihr kleines Schwarzes, bewusst weit geschnitten, hat grosse Taschen eingenäht, die ausserordentlich gut sind für ihre Beretta. Einwandfrei für die Beförderung weiterer, handlicher Waffen für ein paar reiche Geschäftsleute, schien auch dieses Verkehrsmittel. Bis jetzt. Stichproben. So eine Kacke. Die Chance ist eins zu 20000. 18 mal hatte sie den Transport bereits durchgeführt. Immer erfolgreich. Jedes einzelne Mal um 5000 Mücken reicher. So hatte sie ein angenehmes Doppelleben geführt.

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Nach dem türkischen Säbel, den sich das Paar als Souvenir mitgenommen hat, ging der Trott weiter: Ein Pensionistenpaar mit Wandsouveniers aus Metall, eine digitale Nomadin mit Metallhülle, um sich vor gefährlicher Strahlung zu schützen, ein Bierbauch, der auf sein Schweizer Messer am Gürtel nicht verzichten kann. Alle durften nach jeweils einer nervenaufreibenden Diskussion das stickige Zelt mit ihren Gegenständen verlassen.

Er hasst diesen Scheiss. Warum ist er 3 Jahre zur Polizeischule gegangen? Um dann draufzukommen, dass ein Psychologiestudium besser gewesen wäre für das, was er da tut? Am Abend ist er immer völlig fertig. Um gesundes Essen kann er sich dann nicht mehr kümmern. Lenkt sich mit Pornos ab. Sein Frust ist tödlich für jede Art von Beziehung. Manchmal stellt er sich vor, wie er die Touristinnen lyncht. Daraufhin geht er dann zu seiner Therapeutin. Die macht das Leben einmal mehr für weitere 4 Wochen erträglicher. Die Abstände zwischen seinen Sitzungen sind kürzer, wenn er wieder mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Abwechslung würde ihm helfen, so meint seine Therapeutin. Er fühlt sich aber nicht in der Lage, dafür zu sogen. Zu schwach ist er. Mental. Körperlich.


Das Gerät schlägt wieder an: Diesmal ist es auffällig, dass es zu keinem Streit kommt. Kein Zögern. Die Lady passt nicht in sein Durchsuchungsschema. Nur Machos haben so ein übersteigertes Selbstbewusstsein, dass sie denken, sie kämen mit allem durch. Er fragt sich, ob er sich erneut so eine nervenraubende Konversation antut. Es reizt ihn aber. Die Situation ist anders.

Rebecca merkt in innerhalb einer Millisekunde, dass sie nicht einfach nur durchkommt, weil sie eine Frau ist. Ihr Blick macht das Gleiche, wie der Metalldetektor. Er überträgt Informationen. Diese bahnen sich in ihr Gehirn, welches schlussfolgert:
«Er langweilt sich also. Ich könnte ihm eine Show bieten. Oder er würde mich weitergehen lassen, wenn ich ihm verspräche, dass es bei mir weniger fad würde.»
Schnell beginnt sie abzuwägen.

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Die Pistole ist gezückt, die Augen von Jakob weiten sich.
«Hier haben Sie ihr aufregendes Leben.»
Er grinst über beide Ohren. Noch mehr Gefallen findet er daran, dass ihre Waffe offenbar geladen ist. Am Bildschirm sieht er im Augenwinkel, dass ihr Gepäck voll von ähnlichen Prachtstücken ist. Das gibt eine spannende Untersuchung. Sein Leben bekommt eine Wendung.
«Leider wird ihr Abenteuer kurz.»
Sie drückt ab. Verpasst. Feuert erneut.
Verschwommen hört sie Geschrei. Er hat nur Sausen in den Ohren.

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Oder doch der Spruch:
«Mann, ich komme nur vom Urlaub. Diese Spielzeuge hier sind für meine Enkel. Und ja: Ich bin jung Mutter geworden. Vorab schon mal danke für das Kompliment.» Dabei lächelt sie halb mitleidig und halb schuldbewusst.
Jakob zögert. Ein weiteres Touristengeheule? Wie hoch wären die Chancen auf eine interessante Untersuchung? Na ja: Geht gegen null. Er hatte in seiner Ausbildung gelernt, die Gestik und Mimik zu lesen. Also schaut er ihr tief in die Augen: Was er sieht, gefällt ihm: Geheimnisvoll, schön!
Sie bemerkt seine Gemütsänderung und setzt ihr süsses, verführerisches Lächeln auf:
«Treffen wir uns doch nach ihrem Dienst auf einen Drink? Was meinen Sie? Wann haben sie Schluss?»
«Äh. Dauert noch.» Sprudelt aus ihm heraus. Sofort rasen seine Gedanken:
«Mann. Ich Arsch. Was sollte das. Natürlich willst du mit ihr auf einen Drink.»
Falls sie ihn doch kalt machen muss, verschiebt sie ihr Vorhaben auf später, wichtig ist nun nur der Transport:
«Ich kann warten, bin geduldig.»
Seinen Kolleginnen bellt er den Befehl, sie durchzulassen.
Sie gibt eine Cocktailbar an.
Bis er dort erscheint, ist sein Leben aufregend, seine Träume phantasievoll und glücklich. Als er bemerkt, welche Dummheit er begangen hat, bereuet er, seinem Dasein nicht mehr Qualität, anstatt nur Quantität eingehaucht zu haben.

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