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Lebendig begraben

 

Wie lange frage ich mich schon wo ich bin? Seit wann bin ich hier gefangen? Stundend? Minuten? Eine Ewigkeit? Wo ist mein Zeitgefühl hingekommen? Na gut. Beruhige dich. Was heisst beruhigen. Ich bin ruhig. Wo soll ich auch hin. Ausserdem ist keiner da. Wo ist keiner? Hm. Wie finde ich das raus. Ok. Eines nach dem anderen. Eh gerade nichts anderes zu tun. Also. Ich öffne die Augen. Ich sehe .... . Hm. Was ist das? Nun. Ich würde sagen: Nichts. Es ist dunkel. Nein, eher hell. Trüb. Jedenfalls nichts, das mir weiterhilft. Offenbar bekomme ich Luft. Tatsächlich. Ich atme. Die Frage ist natürlich wie lange noch. Hängt wiederum davon ab, wie lange ich schon hier bin und wo ich bin. Teufel auch. So viele Fragen.

 

Ich habe das Gefühl, als wäre ich vor Kurzem noch in einem perfekten Leben gewesen: Umgeben von Freunden mit gutem Essen, einer luxuriösen Unterkunft. Wir hatten Spass, haben das Leben genossen. Flup. Plop.

 

Nun bin ich hier. Also, wo war ich? Wo bin ich? Konzentriere dich. Es ist also nichts zu sehen. Nächster Schritt: Bewegen. Geht das? Ich versuche es mal mit den Fingern. Tatsächlich. Da geht was. Aber es beisst. Sie sind kalt. Offenbar ist der Raum in dem ich bin nicht beheizt. Nun kribbeln die Finger. Sie fühlen sich steif an. Mal sehen. Können die Arme mehr? Nein. Fest. Sie sitzen fest. Aber wo? Verdammt. Die Füsse: Nun ja, die Zehen scheinen auch gefroren zu sein. Etwas kann ich sie aber unter Schmerzen noch nach oben und unten bewegen. Wie auch immer ich hierher gekommen bin, eine volle Lähmung hat es nicht hervorgerufen. Warum kann ich aber meine Beine nicht bewegen? Und meine Arme? Luft kriege ich. Sie ist kalt. Es brennt in meinen Bronchien beim Einatmen. Beim Ausatmen geht die Luft nach unten. Die warme, feuchte Atemluft strömt am Kinn vorbei in Richtung Hals. Warme Luft. Nach unten? Da stimmt doch etwas nicht. Mein Kopf ist verglichen mit den Gliedmassen irgendwie warm. Warm? Eher heiss. Wohlig. Schön. Ich drifte ab. Schliesse meine Augen.

 

Hochsölden Ötztal Tirol Österreich
Hochsölden Ötztal Tirol Österreich

 

So warm war das. Gestern? Vor Wochen? Egal. Der Gedanke ist wunderschön: Die dampfende Luft der Dampfbadkabine drang in meinen Hals, meine Atemwege. Der angenehme Duft von Eukalyptus löste Erinnerungen an australische Wälder in mir aus. Ich lag auf dem schön und perfekt verlegten blau-grünen Mosaik und schaute nach oben. Durch die künstlich hergestellte, nebelige Luft schaute ich auf die Decke. Diese war von einem begnadeten Innenarchitekten für Hotel-Spas wie eine Felswand geplant worden. Kleine Led-Lämpchen sorgten für ein wechselhaftes Farbenspiel. Ich spürte die Wärme, den Dampf, der meine Haut wohlig umspielte und sie ordentlich durchbluten liess. Die Wärme war überall. Oh ja, ich hatte Zeit. Konnte noch ein bisschen schlafen.

 

Wieder eingenickt. Dabei will ich doch herausfinden, wo ich bin und was ich hier mache. Das ist nicht gerade förderlich für mein fehlendes Zeitgefühl. Wärme. Das muss länger her sein. Mir fröstelt. Der Dampf ist ausserdem nicht das Ergebnis einer Maschine in einem Dampfbad, er kommt aus meinem Rachen. Dampf. Ach ja, der sollte ja nach oben steigen. Schliesslich ist warme Luft warm, weil sie sich mehr bewegt. Teilchen, in dem Fall Luftmoleküle, die sich mehr bewegen, brauchen mehr Platz. Daher haben sie auch weniger Volumen. Die Luft ist weniger dicht, wenn sie warm ist, also leichter, und steigt auf.

 

Hochsoelden Oetztal Tirol Oesterreich
Hochsoelden Oetztal Tirol Oesterreich

 

Ich spucke. Das schleimige Nass bleibt auf meiner Nase hängen. Dann läuft es langsam dem Riechkolben entlang über meine Stirn. Aha. Meine Körperflüssigkeit tut, was mein Atem hätte machen sollen. Das kann nur heissen, dass ich kopfüber eingesperrt bin. SCHEISSE nochmal. ICH WILL HIER RAUS. VERFLUCHT. Ich beginne mich panisch zu schütteln und rütteln. Alle verfügbaren Muskeln spanne ich an. Vor, zurück, rauf und runter. Ich bewege mich keinen Millimeter. FUCK. Was tun? Scheissegal wo ich bin, oder wie ich hierher gekommen bin, ICH MUSS HIER RAUS!!! Ich schreie:

 

„AAAAAAAHHHHHHHH!!!!

 

Ist hier jemand?“

 

Komisch. Es hallt nicht, es ist gedämpft. Als würde jede einzelne Schallwelle von, was auch immer mich umgibt, absorbiert werden. Verflucht. Ich bin lebendig begraben. Niemand hört, oder sieht mich. Ich will raus. Wieder versuche ich mich zu bewegen.

 

Raus. Jawohl. Ich stand langsam auf. Ansonsten wäre das wohl nicht gerade förderlich für meinen Kreislauf gewesen. Erst begab ich mich von einer liegende in eine sitzende Position. Leichter Schwindel ergriff mich. Das Herz schlug schon schneller und heftiger. Es war wohl genug. Kurze Beruhigung und dann langsam aufstehen, dachte ich. Raus aus der, auf 95 Grad aufgeheizten Sauna. Die Celsius-Skala gefällt mir am besten. Sie ist einfach nur logisch. Der Gefrierpunkt des Wassers ist eben null und bei 100 Grad Lufttemperatur hältst du es nicht mehr aus und dein Atem verdampft. Die Amis mit ihren Fahrenheit. Bei 32 Grad soll ich frieren. Da ist Kelvin ja noch nachvollziehbarer. Obwohl ich den absoluten Nullpunkt so abstrakt finde, dass ich auch damit nichts anfangen kann.

 

Wieder war ich gerade weggedriftet. Gedanklich. Schön. Die heisse Sauna. Vor allem liebe ich das „Danach“.

 

Ich ging also völlig durchgeschwitzt zur Dusche. Kurzes Abkühlen, um mein Herz, meinen Kreislauf nicht zu sehr zu belasten. Dann ging ich zum Tauchbecken. Erst das rechte Bein eintauchen, dann das linke, dann den rechten Arm, dann den linken. Ich tauchte unter. Ganz. Ins eiskalte Wasser. Der Schock war so gross, dass ich Schnappatmung bekam. Sofort stürmte ich wieder raus, zog den Bademantel an. Da kam es, dieses wohlige Gefühl. Dieses Kribbeln auf der Haut, diese Entspannung, die einsetzt nach dem grossen Schock.

 

Entspannung. Das brauche ich wohl auch jetzt. Schliesslich wird mir irgendwann die Luft ausgehen. Ich muss sparsam mit ihr umgehen. Schreien verbraucht zu viel davon. Also keine Laute, kein Muskelangespanne mehr. Nur dezentes Bewegen, um das Abfrieren zu verhindern. Panik braucht zu viel Energie und wohl auch Sauerstoff. Aber VERFLUCHTE SCHEISSE NOCHMAL, WIE SOLL ICH RUHIG BLEIBEN? WO BIN ICH? WAS TUE ICH HIER? Ich habe offenbar die Orientierung und wohl auch das Kurzzeitgedächtnis verloren. Gerade wird mir das bewusst. Andererseits: Wie soll ich NICHT ruhig bleiben? Nichts anderes kann ich tun. So verdammt hilflos zu sein, so stelle ich eben fest, ist ein kack Gefühl. Und schon wieder bricht sie aus, diese Panik. Ruhig bleiben. Beruhige dich. Du bist kopfüber eingesperrt, begraben. Du musst es positiv sehen: Du kriegst Luft. Mann ich hasse dieses zweite „Ich“. Klugscheisser. Dieser Optimismus wird noch tödlich enden. Der bringt nix. Der verklärt nur die Realität. Und was macht der Pessimismus? Holt der dich hier raus? Sinnlose Diskussion mit mir selbst.

 

Freshys im Powder
Freshys im Powder

 

Mit dem flauschigen Bademantel suchte ich mir ein ruhiges, angenehmes, warmes Plätzchen. Alles war optisch aufeinander abgestimmt: Die Wände waren mit Plüsch überzogen, die Ränder mit Holz verziert. Die Böden waren aus grauem, rutschfesten Granitstein. Die Wände wurden mit schwarz-weiss Bildern geziert, die Leute eines anderen Jahrhunderts zeigten. Sie posierten, gossen Milch von einem Fass ins nächste, oder schippten Heu. Der Geruch vom Dampfbad und jener der Sauna, mischten sich zu einem entspannenden Wellnessduft in diesem kleinen, aber feinen Ruheraum. Die einzelnen Liegen waren grosszügig mit weisser Polsterung bestückt und an den Wänden befanden sich Leselämpchen, um sein eigenes Plätzchen beleuchten zu können, die anderen ruhenden Gäste jedoch mit Licht nicht belästigen zu müssen. Gegenüber dieser Liegen gab es Kojen. Sie waren auch wieder mit Holz verkleidet, etwas rustikal und roh hatte man das Holz belassen, mit Kissen bestückt. Plüschkissen in Weiss, Grau und Beige.

 

Wann war das? Sauna- Spa-Landschaft. Das muss wohl ein Hotel gewesen sein. Zu Hause habe ich sowas nicht. Was für ein Kontrast. Das kann aber nicht lange her sein. Es taucht immer wieder auf in meinen Gedanken. Ich beginne zu zittern. So ist das also mit dem Erfrierungstod. Den kenne ich bisher nur aus der Theorie. Schmerzfrei soll er sein. Angenehm und flott. Erst zieht sich das Blut mit seinem lebensnotwendigen Sauerstoff aus den Gliedmassen zurück, um die, fürs Überleben viel wichtigeren inneren Organe mit eben diesem zu versorgen. Die Gliedmassen werden kalt, aber bald nicht mehr gespürt. Langsam kommt ein Dämmerzustand. Die Sterbende driftet in ein Stadium, das sich aus sich abwechselnden Wach- und Schlafphasen zusammensetzt. Wohlige Gedanken lassen einen die Kälte vergessen, man spart Energie, bewegt sich nicht mehr und schlummert langsam ein. Für immer. Etwas beschleunigt könnte der Vorgang mit Alkohol werden. Dieser erweitert die Blutgefässe, versorgt somit die Gliedmassen länger mit Blut und Sauerstoff und lässt somit die existenziellen Organe früher abstellen.

 

Neuschnee im Oetztal
Neuschnee im Oetztal

 

Ich suchte mir das Plätzchen neben der Scheibe aus. Hinaussehen wollte ich. Noch war es hell. Die Landschaft sah atemberaubend aus: Auf dem felsigen Gipfel gegenüber schien noch die Sonne. Das Glühen unseres heissen Himmelskörpers tauchte den Schnee in dunkelorange Farbe. Die Berge rechts waren nun kaum mehr von Schifahrerinnen bevölkert. Der Neuschnee hatte vorher noch in der Sonne geglitzert, nun lag er wie eine weiss-hellblau schattierte Decke über der alpinen Landschaft. Ich genoss den Blick von meinem warmen Plätzchen aus. Ich liebte das weisse Gold, den Schnee.

 

Schnee. Ich reisse die Augen auf. Plötzlich spüre ich ein Stechen in der Wade. Nun noch eines im Oberschenkel. Eins, zwei, drei. Es hört auf. Dann wieder.

 

Das ist es, was mich umgibt. Fuck. Die Lawine. Sie hat mich hierhergerissen. Nun fällt es mir wieder ein. Es kann nicht lange her sein, sonst wäre ich schon im Reich der Toten.

Ich konnte nicht widerstehen: Der frische Pulverschnee hatte mich gelockt. Meine 4 neuen skandinavischen Freundinnen waren auch dabei. Oh nein. Es war meine Idee. Es ging alles so schnell. Wie in einer Waschmaschine wurde ich im Pulver, der in Sekundenschnelle immer kompakter wurde, herumgeschleudert. Ich habe gar nicht gemerkt, wie meine Schi wegschmetterten. Irgendwie habe ich mich noch an diesen Tipp erinnert: „Mach Schwimmbewegungen“. Diese sollten mich so weit oben, wie möglich halten. Meine Arme, die ich vor den Kopf hielt, haben offenbar ein Luftloch geschaffen, wegen dem ich noch atmen kann und somit am Leben bin. Noch.

 

 

 

Lawinenhang
Lawinenhang

 

Das Stechen hat aufgehört. Nun spüre ich ein Kratzen. Es wird intensiver, von allen Seiten. Meine Haut kribbelt wieder. Sie schaufeln. Jetzt wird an mir gezupft und gezogen. Jawohl: Sie haben mich gefunden. Freiwillige Helferinnen, die Bergrettung. Ich lebe.

 

Kronenzeitung vom 5. Februar 2022
Kronenzeitung vom 5. Februar 2022
Kronenzeitung vom 5. Februar 2022
Kronenzeitung vom 5. Februar 2022
Lawinenkatastrophe vom 4. Februar 2022
Lawinenkatastrophe vom 4. Februar 2022

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