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Schau auf dich!

Die Mutter der toten Anna macht sich auf zum Ort des Geschehens. Es ist jetzt keine Zeit zum Trauern, das muss sie verschieben. Sie gibt sich als Bundesbeamtin aus, zeigt den alten, längst abgelaufenen Ausweis des Flughafens her, indem sie darauf achtet, ihn so zu halten, dass ihr Foto auf Anhieb sichtbar ist, aber von den restlichen Informationen abgelenkt wird. Ihre Tochter war zu diesem Wochenendseminar gefahren. Es hatte sich vielversprechend angehört. Der Organisator, hauptsächlich für den Inhalt Verantwortliche und Vortragende, ist Psychologe. Diesen nimmt sie sich erst mal vor:

„Herr Doktor, was ist der Kern ihres Seminares, was das Ziel?“

„Die Teilnehmerinnen brauchen mehr Selbstbewusstsein. Ihr inneres Kind war über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Immer hatten sie Rücksicht nehmen müssen.“

„Wie erreichen Sie das in 4 Tagen?“

„Natürlich müssen die Damen weiter über den Kurs hinaus üben. Sie bekommen Werkzeuge in die Hand. Daher geht es um Workshops, in denen Sie lernen, wie sie auf sich selbst schauen können.“

„Hat dies bei Anna nicht funktioniert?“

„Schwer zu sagen. Denken Sie, sie wurde ermordet?“

„Schwer zu sagen. Denken Sie, sie hat sich selbst umgebracht?“

Die ergraute linke Augenbraue des Psychologen huscht nach oben, mustert sie von der Zehe zur Haarspitze, betrachtet sie zum ersten Mal und verabschiedet sich schnell.

Die Mutter möchte sich an die anderen Teilnehmerinnen wenden und sieht sogleich die erste am Gang:

„Hallo Frau ..., ich muss gestehen, ich habe Ihren Namen vergssen.“

Mild lächelt sie dabei.

Die Angesprochene zuckt, scheint sich etwas zu erschrecken, zieht dann aber ihren linken Mundwinkel nach oben:

„Wie bitte? Ich bin unterwegs in mein Zimmer.“

„Ja, schon klar. Die Verstorbene Anna, darum geht es. Ich komme von der Regierung.“

Keine Reaktion.

„Kennen Sie sie?“

„Wissen Sie, ich muss mich erst mal auf mich konzentrieren. Wenn ich was wüsste, hätte ich es verdrängt.“

Diese Abfuhr war eindeutig. Schon kommt die Nächste:

„Darf ich Sie etwas fragen, bitte?“

„Nur kurz. Ich brauche jetzt Ruhe. Absolute Ruhe.“

„Die verstorbene Anna ...“

„Ja?“

„Könnten Sie mir bitte etwas über ihr Verhalten in letzter Zeit sagen?“

„Nein.“

„Haben Sie nicht gesehen, wie sie sich in den Workshops verhalten hat?“

„Nein.“

„Waren Sie dabei?“

„Das mag für Sie unwahrscheinlich klingen, aber wir lernen hier endlich mal auf uns zu schauen.“

„Ja, schon. Aber es sind ja auch andere hier.“

„Nicht für uns. Es geht um uns.“

„Danke. Schönen Tag noch.“

„Ja.“

Leicht irritiert macht sie sich auf in Richtung Speisesaal, aus der die Ladys gekommen sind. Eine freundlich dreinschauende Teilnehmerin wird ihr Antworten liefern können?:

„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Gerne lade ich Sie auch auf einen Kaffee ein. Darf ich Sie ganz kurz etwas fragen?“

„Im Grunde genommen kann ich keine Antworten geben. Es tut mir leid.“

„Darf ich es probieren?“

„Tun Sie, was Sie für richtig halten, aber in 2 Minuten muss ich zur Meditationsübung. Komme ich zu spät werde ich nervös und das kann ich mir nicht leisten, weil ich dann in meine alten Muster zurückfalle. Schon mal sowas gehabt?“

„Wa...?“

„Na, diesen Kreislauf. Immer kümmerst du dich um andere. Nie geht es um dich selbst. Ständig bist du damit beschäftigt Menschen zu heilen, Ihnen zu geben was sie brauchen, nur um der Gesellschaft zu genügen. Du hast gelernt, dass du so endlich Anerkennung bekokmmst, aber die bekommst du nicht. Wirst du auch nie kriegen. Dann bist du am Boden. Jede Person beschuldigt dich nur an der Misere Schud zu sein. Um zu beweisen, dass du doch ein guter Mensch bist, kümmerst du dich wieder um die Bedürftigen.“

„Schon davon gehört. Ging es Anna so?“

„Da müssen Sie sie schon selbt fragen.“

„Geht nicht. Tod.“

„Die 2 Minuten sind um.“

„Aber .... .“

„Tun Sie sich etwas Gutes. Kümmern Sie sich erst mal um sich selbst!“

Bevor sie einen Ton herausbekommt, verschwindet auch diese Seminarteilnehmerin ums Eck.

Das kann doch alles gar nicht wahr sein! Unglaublich, unmöglich! Niemand merkt, dass es auf der Welt auch noch andere Menschen, ausser ihnen selbst gibt! Sie muss nochmal zum Doktor. Dieser vertröstet sie auf nach den Workshop.

„Darf ich dabei sein?“

„Ja, sicher, warum nicht. Es wird Ihnen gut tun.“

Sie verdreht die Augen. Das Einzige, was ihr guttun kann, ist es, herauszufinden, ob ihre Tochter eines natürlichen Todes starb, oder nicht. Weil sie jedoch anders nicht weiterkommt, beschliesst sie, sich die Damen und ihr Verhalten anzuschauen. Gegebenenfalls findet sie etwas heraus. Zuerst schiebt sie aber eine Frage ein: 

„Haben Sie Zahlen, die belegen, ob und wie ihr Seminar funktioniert?“

„Ach wissen Sie: Die Menschen wollen keine Fakten. Sie wollen glauben. Hier lernen sie an sich selbst zu glauben.“

„Und...“

„Nun müssen wir aber ... .“

„Sicher.“

 

Während der Meditationsübung steht die trauernde Mutter ganz hinten. Sie beobachtet, wie sich der Zustand der Lernenden langsam verändert. Sie werden in eine Art Trance versetzt. Keine bekommt mit, was die neben ihr macht. Die Sprüche der Übung mit dem Titel „Autogenes Training“ sind nicht variantenreich. Es sollten alle Menschen rund um sie vergessen werden. Sie müssten nur an sich denken, sich selbst helfen, auf sich schauen.

Nachdem es vorbei ist, kommen die Teilnehmerinnen an ihr vorüber und sehen durch sie durch. Sie versucht, die eine oder andere anzusprechen. Chancenlos. Schnell schnappt sie sich nochmal den Vortragenden:

„Worauf basiert denn Ihr Seminar?“

„Auf dem Buch von Melody Beattie mit dem Titel Codependent no more“.

„Interessant. Ist sie praktizierende Psychologin?“

„Aber nein. Sie schreibt aus Erfahrung. Nun muss ich aber los. Sie sind anstrengend, diese Frauen, die gerade erst beginnen Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“

„Ja. Wie werden Sie damit fertig? Supervision?“

„Nein. Das Gequatsche die ganze Zeit. Ich habe eine Energetikerin. Sie arbeitet mit Quantenphysik. Testet die Schwingungen meiner Gegenstände aus und gibt mir die richtigen Ätherischen Öle.“

„Sind Sie nicht selbst Gesprächstherabeut?“

„Schon, aber für mich ist das nichts. Alles zerreden. Mein Gott!“ Dabei macht er eine theatralische Handbewegung nach oben mit den Handflächen sichtbar, so, als ob er einen stoppen wollte, und rollt passend dazu die Augen.

„Ist das denn dann die richige Behandlung für die Leute hier?“

„Solange sie nicht entmündigt wurden, können sie selbst enscheiden was sie tun.“

„Meine Tochter hatte einen Schlägertyp hinter sich. Üble Sache.“

Pause.

„Sie hätte endlich Menschen gebraucht, die ihr zuhören. Hier bekommt sie das offenbar nicht.“

„Sie wird aber auch ein Defizit gehabt haben darin, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“

„Sollte nicht die Schrift gelernt werden, bevor wir lernen einen Roman zu schreiben?“

„Sie ist freiwillig hier gewesen.“

„Sicher.“

„Sollten fettleibige Menschen nicht erst abnehmen, bevor sie Kreislaufmedikamente verschrieben bekommen?“

„Ich verstehe schon. Ärztinnenphilosophie. Profit first.“

„Wenn alle vor ihrer eigenen Tür kehren, ist es üball sauber.“

„Sie nennen das sauber?“

„Falsch verstanden: Wenn jede auf sich schaut, ist auf alle geschaut.“

„Toll.“

„Gehen Sie in die Biblothek. Dort ist die Kommisarin. Dort erfahren Sie sicher mehr.“

„Ja, klar. Danke.“

Das darf doch nicht sein! Das ist ja so, als wenn ein Arzt bewusst etwas verschreibt, das sich mit den Wechselwirkungen eines bereits verordneten Medikamentes in schädlicher Weise sticht. Aber Moment mal: Fragen denn Hausärztinnen nach? Wohl kaum. Das ist nicht die Norm. 

Die Polizistin empfängt die, inzwischen fast verzweifelte Mutter:

„Ich höre, sie versuchen sich in meinem Job?“

„Ja, tut mir leid.“

„Mein Beileid. Es tut mir wirklich sehr leid, was mit ihrer Tochter geschehen ist.“

„Danke. Haben Sie schon etwa herausfinden können?“

„Wir sind schon den dritten Tag dran. Der erste war schrecklich. Niemand wollte mit uns sprechen.“

„Ja, eigenartig, oder? Die volle Gehirnwäsche, der die hier ausgesetzt sind!“

„Tatsächlich. Fast wie eine Sekte. Wir mussten ihnen erst drohen. Einige haben geheult. Andere mussten wir verbal aus ihrer Trance prügeln.“

„Und?“

„Es wird wohl zunehmend ein Normalzustand unserer Gesellschaft. Narzissmus. Noch kann es diagnostiziert werden. Betrifft es aber praktisch alle, inklusive derer, die es bisher identifizieren, wird auch das nicht mehr geschehen.“

„Meine Tochter Anna meine ich!“

„Entschuldigung, natürlich.“

„Und?“

„Auch sie wurde nicht beachtet. Keiner hat mit ihr gesprochen. Sie muss sich wie ein Geist vorgekommen sein. Selbst ihre allerletzten Hilferufe wurden ignoriert.“

„Das kann ich mir vorsellen. Wer hat sie auf dem Gewissen?“

„Diese ganzen Menschen hier. Alle. Inklusive Professor.“

„Scheisse. Was war das Motiv?“

„Selbstschutz. Es war Selbstmord.“

 

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