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SnowboardNebel

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Gott. Der sollte einen doch erst gar nicht in so eine Situation bringen. Eigenverschulden. Aber wo ist da seine Allmacht? Ach ja: In den Situationen bezieht sich die Kirche dann doch wieder auf die Eigenverantwortung. Is eben nichts für mich, der Glaube. Selbst nicht, wenn ich dem Tod ins Auge sehe. Viele sollen ja in so einer Situation bekehrt worden sein. Ich nicht. Egal. Eh zu spät. Erfrieren soll ja gar nicht weh tun. Noch finde ich es eher unangenehm. Ich zittere. Aber irgendwie scheint dieses Zittern auch bald aufzuhören. Meine Zehen sind steif, meine Finger auch. Überhaupt fühle ich mich bewegungsunfähig. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Nix geht mehr, rien ne vas plus.

 

Snowboarden
Snowboarden
Sonnenaufgang in den Bergen
Sonnenaufgang in den Bergen

 

Ich spüre nicht nur die Kälte, wie sie mir durch alle Glieder dringt, auch die Eiskristalle scheinen sich auf meiner Haut im Gesicht festzusetzen. Es fühlt sich an, wie Mininadeln in meinem Antlitz. Ansonsten ist die Sicht etwas klarer geworden. Zwar ist es noch nebelig, aber der Nebel ist nicht mehr ganz so undurchsichtig wie vorher, sodass ich nicht nur Schnee sehen kann, sondern Konturen von Gebüsch vor mir und ein Stück Felsen rechts vor mir. Hören kann ich nichts. Gar nichts.

 


Der Schall der Schiliftanlagen wird von den Bergen, die sich davor geschoben haben verschluckt. Es wäre angenehm, wenn ich wüsste wo ich bin, wenn nicht bald die Nacht des Dezember bald hereinbrechen würde. Die Stille könnte entspannend sein, wenn sie in dem Moment nicht so tragisch wäre. Ich kann mich nämlich dadurch überhaupt nicht orientieren. Wo sind die Liftanlagen? Wo ist die Zivilisation? Durch meine Nase dringt klare, kalte Bergluft, die erahnen lässt, dass es frischen Schnee gibt.


 

Schnee, der mich hierhergelockt hat. Ich liebe ihn, diesen Powder. Nun ist er ein Fluch. Der Spur bin ich gefolgt und es war ja auch genügend Sicht. Der stessigen Menschenmasse wollte ich entfliehen, die Sonne geniessen, diese eine Abfahrt machen und sie mir ins Gedächtnis brennen. Solche Gelegenheiten gibt es so selten. Ich fuhr also der Spur nach. Sie musste ja irgendwohin führen. Niemals bin ich bisher in einem fremden Schigebiet irgendeiner Spur gefolgt. Heute fand ich es aber schrecklich verlockend. Unwiderstehlich. Da das ganze Abenteuer mit mehreren Spuren begann, war ich fix davon überzeugt, dass diese ja auch irgendwohin weiterführen müssten. Sie mussten irgendwo weitergehen. Das taten sie aber nicht! Als ich das bemerkte, war es zu spät. Erst war ich so damit beschäftigt zu überlegen, wie das denn sein könnte. Dabei zog unmerklich dieser Nebel auf. «Nebel des Grauens» ging mir durch den Kopf. Und:

 

«Reiss dich zusammen, du bist hier nicht in einem Horrorfilm.»

 

Oder doch?

 

Wo um alles in der Welt war diese Snowboarderin geblieben? Die Spur war tief und klar und der Wind kann sie hier nicht verweht haben. Hm, wirklich nicht? Ich hörte dann auch damit auf, mir zu überlegen, wo die Person hingekommen war. Tief holte ich Luft und sagte zu mir selbst, dass ich lösungsorientiert bleiben sollte. Ich drehte mich um, sah, dass ein Aufstieg nach oben praktisch aussichtslos war. Stundenlang würde ich durch den Tiefschnee robben müssen, dabei immer wieder abrutschen, um dann festzustellen, dass ich es am gleichen Tag nicht mehr schaffen könnte. Übernachten hiesse erfrieren. An einen Handyempfang war hier nicht zu denken. Zu weit oben, zu weit weg. Rechts, in Richtung nach unten war ein Felsen zu erkennen. Und was für einer! Mindestens 10 Meter wären zu überwinden, darunter wieder Felsen mit einer dünnen Schneeschicht darauf, die einem nach einem Aufprall den Rücken in Stücke reissen. Geradeaus das gleiche Szenario. Ich hatte mich umgesehen, gegrübelt, überlegt, bis mich der Mut verliess. Der Nebel war schleichend, aber zügig immer dichter geworden während ich nach einem Ausweg suchte, nur mehr die Hand vor den Augen war sichtbar.

 

Spuren im Schnee
Spuren im Schnee

 

Jetzt bin ich am Ende. Aber der Nebel scheint sich langsam wieder zu verziehen. Die Hoffnung kommt allmählich zurück. Noch lebe ich.

 

«Beweg also deine Zehen in den Schuhen!» befehle ich mir.

 

Vor mir ist also dieses Gebüsch. Könnte ich mich daran abseilen? Ich will nach vor kriechen, um nachzusehen, aber das Snwoboard ist hinderlich. Wenn ich es jedoch ausziehe, weiss ich nicht, wohin ich es geben soll. Es würde davonrutschen, ab in die Tiefe auf Nimmerwiedersehen und die letzte Hoffnung eines Transportmittels wäre dahin. Wenn ich es am Bein mit der Sicherheitsschnur hängen lasse, ist es wieder hinderlich. Es bleibt also nur das Robben. Die Überwindung einer Distanz von ca. 2 Schritten dauert ungefähr 10 Minuten. Es ist so anstrengend, dass mich der Schweiss von innen durchnässt. Dies hilft mir dann später wenigstens dabei, schneller der Eiskönigin im Jenseits zu begegnen. Nach ca. 30 Minuten, die sich wie eine Stunde anfühlen, erreiche ich den Busch und die Hoffnung schwindet wieder. Ich sehe nur, dass es steil nach unten geht. Zu steil und zu weit. Der Busch ist viel zu klein. Er würde mich nicht mal aufhalten, wenn ich auf ihn zurutschte und würde über ihn einfach hinweggleiten. Was nun. Weiter über die Vorzüge von Religion nachdenken. Doof ist, wenn doch alles unbewiesen bleibt, auch nach dem Sterben. Dann würde es mir jedenfalls nicht mehr auffallen. Ich lasse mein Herzrasen zur Beruhigung kommen, meinen Blutdruck sinken. Nach weiteren 3 Minuten lichtet sich der Nebel noch mehr. Da erkenne ich, dass Rechts und links grosse, graue Felswände in die Höhe ragen. Rechts direkt vor mir, ein kleines Stück neben dem Grossen, ist aber noch ein Fels. Ob der ganze Felsvorsprung, der sich von der rechten zur linken Wand zu spannen scheint überall so steil und weit in die Tiefe ragt? Ich beginne wieder zu robben. Erst nach oben, um Reserveabstand zu haben, falls ich nach unten abrutsche. Kaum kann ich mich in dem lockeren Tiefschnee halten. Er erinnert an Treibsand. Diese feinen Kristalle, die ich sonst so gerne sehe und die in der Sonne so schön glitzern.

 

Nebel
Nebel

 

Arme nach vor, auf dem Bauch im Schnee liegen, Beine mit Snowboard daran wieder nachziehen. Arme wieder vor, … . Nein. Erst den gesammelten Schnee unter meinem Körper vor dem Board wieder wegschaufeln. Dann wieder von vorne. Ich erreiche diesen anderen Stein, der aus dem weissen Gold ragt. Dahinter ist eine Mulde, danach wieder ein, in die Landschaft integrierter, grosser Granitstein. Dazwischen scheint es aber nur 5 Meter in die Tiefe zu gehen. Darunter ist Pulverschnee. Der könnte mir eine leichte Landung ermöglichen. So weit bin ich mit einem Wintersportgerät aber noch nie gesprungen. Naja, wenn es denn mein Leben rettet, … . Allerdings weiss ich nicht, wie es weitergehen wird. Kommt noch ein Vorsprung? Eine Schlucht? Ein unüberwindlicher Bach? All das bleibt mir hinter der Nase dieses Stückes versteinerter Berg verborgen. Es gibt aber nur eine Möglichkeit: Ausprobieren. Nun heisst es erst Überwindung. Ich muss da runter. 5 Meter. Das schaffe ich. Wenn ich mir aber etwas breche, erfriere ich doch noch. Gut: Chancen erhöhen, dass das nicht passiert!: Konzentration! Locker bleiben. Die Höhe verringern, indem ich gleich in die Knie gehe. Einfach nach unten gleiten.

 

Ich bin in der Luft. Was würde passieren?

 

 

 

Diese Freerider! Ohne VS-Gerät, ohne Schaufel, ohne Sicherheitsausrüstung irgendeiner Art sind sie unterwegs. Und dann muss sie wieder ausrücken, die Rettung. Was für Verschwendung von Versicherungsgeldern! Im Schnee sollte man sie lassen. Ein Geschenk für die Nachwelt könnten sie sein und zugleich ein Mahnmal. Die Nachwelt könnte sehen, wie die Leute im 21. Jahrhundert mit ihrem Wintersport die Natur verschandelten. Sie könnten in 2000 Jahren, falls es sie denn dann noch gibt, feststellen, wie arrogant sie waren. Zu denken, sie könnten überall hin, egal womit. Dieser Kunststoff, der Meerestiere ersticken liess und Landsäuger inklusive Menschen unfruchtbar werden liess, so könnten sie herausfinden, war im 21. Jahrhundert auf jedem Fleckchen Erde benutzt worden. Sogar weit oben auf den Bergen. In den 90ern waren Drogenhunde losgeschickt worden, um Snowboarderinnen zu suchen. Zweifelhafte Methode. Weil es sinnlos war, liess man wieder davon ab.

 

 

 

Wow. Dieser Moment, in dem ich lande, nachdem ich in der Luft war. Ein Etappensieg. Zwar gibt es noch diese Unsicherheiten, aber ich bin erst mal ein paar Meter weiter. Ich rutsche erst mal 2 Meter, um von der Engstelle wegzukommen. Nun sehe ich ums Eck und erkenne, dass sich der Nebel gelichtet hat und es ein grosses Stück vorangeht. Es ist nicht zu steil, aber auch nicht zu flach. Das Fahrgefühl ist gerade nicht so toll, weil die dicken, harten Brocken einer früheren Lawine unter dem Tiefschnee dazu führen, dass die Kanten des Brettes kratzen und wieder von diesen abrutschen, mich unkontrolliert hin- und herwerfen lassen, aber es geht weiter. Ich bin schrecklich erleichtert. Vor mir scheint auch rechts die Felswand ein Ende zu nehmen. Hinter ihr könnte es wieder zur Zivilisation gehen. Ich mache weiter meine Bögen, nicht mehr darauf achtend, ob sie auch ein schönes Muster ergeben würden, da kommt ein Bach. Er ist aber schmal und zugeschneit. Ich sinke beim Überschreiten zwar etwas ein, aber ich schaffe es. Wieder geht es weiter. Noch bin ich nicht da. Aber ich bewege mich. Der Nebel ist noch immer weg. Nach ein paar Minuten sehe ich die Piste auf der rechten Seite nach der Felswand. Juhu. Geschafft.

 

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